GOTTESDIENST ZUM SCHLESWIG – HOLSTEIN –TAG IN DER PETRUS - KIRCHE IN KIEL - WIK am 24.9.2000

PREDIGT VON BISCHOF em. PROF. Dr. U. WILCKENS

Als sie nun gegessen hatten, sagt Jesus zu Simon Petrus: „Simon, Johannes Sohn, liebst du mich mehr als diese hier?“ Sagt er zu ihm: „Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe.“ Sagt er zu ihm: „Weide meine Schafe!“ Sagt er nochmals zu ihm, zum zweiten Mal: „ Simon, Johannes Sohn, liebst du mich?“ Sagt er zu ihm: „Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe!“ Sagt er zu ihm: „Weide meine Schafe!“ Sagt er zu ihm zum dritten Mal: „Simon, Johannes Sohn, hast du mich lieb?“ Da wurde Petrus betrübt, weil er zum dritten Mal zu ihm gesagt hatte: „Hast du mich lieb?“, und sagt zu ihm: „Herr, du weißt alles! So weißt du doch, daß ich dich liebhabe!“ Sagt Jesus zu ihm: „Weide meine Schafe.“

Joh. 21,15-17

Liebe Gemeinde,

für diesen Gottesdienst in dieser so stilgerechten, so schönen Petruskirche, mußte ich natürlich einen Predigttext wählen, der von Petrus handelt. Ich finde keinen, der inhaltlich so großartig und zugleich so herzbewegend ist wie diese Geschichte. Man braucht sie nur zu erzählen – und jeder merkt: In dem Petrus da kann ich mich selbst sehen: Ich bin gemeint.

Ich muß die Geschichte von Anfang an erzählen: Eine kleine Gruppe von Jüngern Jesu ist am Ufer des galiläischen Sees zusammen. Sie hatten in Jerusalem das schreckliche Passionsgeschehen miterlebt, wie in der heiligsten Nacht des Jahres, der Nacht des Passafestes, die Polizei des Hohenpriesters zugeschlagen und Jesus im Garten Gethsemane verhaftet hatte. Judas hatte sie dorthin geführt – ausgerechnet ein Mitglied des Kreises seiner zwölf vertrauten Jünger. Als die Soldaten Jesus abführten, da brach all ihr Vertrauen und alle Zuversicht in ihnen zusammen, und sie flohen entsetzt davon. Nur Petrus raffte sich auf und folgte dem Zug der Polizisten bis zum Amtsgebäude des Hohenpriesters. Hatte er doch kurz vorher seinem Herrn, den er so sehr liebte, Treue gelobt bis zum Tod, sein Leben wollte er für ihn einsetzen. Nun stand er im Innenhof des Hohenpriesterpalastes mit den Polizisten und Mägden zusammen am wärmenden Feuer. Eine von den Frauen fragte ihn, ob er nicht auch einer von Anhängern dieses Jesus sei, den sie da eben als Gefangenen zum Hohen Chef gebracht hätten? Er winkte ab: „ Nein, das stimmt nicht!“ Ein anderer wiederholt die Frage. Er verneint auch diese. Aber nun wurde es gefährlich für Petrus, denn die umstehenden Polizisten mußten ihn, einmal auf ihn aufmerksam gemacht, leicht erkennen, weil er sich doch, seinem Treuegelöbnis entsprechend, bei der Verhaftung aktiv mit dem gezückten Schwert hervorgetan und ihrem Anführer ein Ohr abgeschlagen hatte. Und in der Tat, sie erkannten ihn. Nochmals wehrt er sich – „ nein, das bin ich nicht gewesen“! Da krähte der erste Hahn dieses Morgens. Und siedendheiß fällt es Petrus ein, daß Jesus ihm ja genau dieses vorausgesagt hatte: Er, der voller Wagemut sein Leben für seinen Herrn einsetzen wolle, werde ihn noch vor dem ersten Hahnenschrei dreimal verleugnen. Nun brannte sein Herz vor schmerzender Scham über sich selbst: Wie konnte er mir in der Stunde der Gefahr sein Treuegelübde so schnell brechen – und gleich dreimal hintereinander! Und er „weinte bitterlich.“

Doch nun war eben auch all sein Mut zusammengebrochen, er schlich sich davon, wanderte mit seinen Gefährten nach Galiläa zurück; und dort sollte nun ihr Alltag wieder beginnen, so wie er war, bevor Jesus sie zu sich gerufen hatte. Sie waren Fischer - und so fuhren sie auf den See hinaus. Aber nichts haben sie gefangen, keinen einzigen Fisch – darin spiegelt sich die innere Depression. Wer nichts ist, der kann eben auch nichts, und er hat keinen Erfolg. Das kommt davon: Im Herzen bist du ein Lump, so bist du nun auch im Beruf ein Verlierer – es ist eben alles aus. (Mancher von uns mag solche Stimmung kennen, von sich selbst oder bei anderen).

Beim Zurückfahren in der Morgenfrühe sehen sie am Ufer einen Unbekannten stehen. Der ruft zu ihnen herüber, ob sie ihm nicht etwas zu essen geben können von ihrem Fang. Nein, winken sie ab, von Fang kann keine Rede sein. Da fordert er sie auf, ihr Netz noch einmal auszuwerfen. Sie tun es, - und es wird voll wie noch nie! „Es ist der Herr“ – sagt einer. Ja, sie ahnen es alle – denn bei ihrer Berufung war es ja auch genauso gewesen. Petrus war damals Jesus zu Füßen gefallen und hatte gesagt: „Geh weg von mir – ich bin ein Mensch voller Sünde!“ Jetzt müßte er das Gleiche zu Jesus sagen, nur viel, viel gewichtiger und aktueller. Er springt ins Wasser, schwimmt mit kräftigen Zügen ans Ufer, um der Erste zu sein, den Herrn zu begrüßen. Aber bei Jesus angekommen, erstirbt ihm jedes Wort, er bekommt das Bekenntnis nicht heraus, das jetzt fällig wäre. Eine eigenartige Atmosphäre liegt über dem Mahl mit Jesus. Alle wissen Bescheid, aber niemand sagt ein Wort. Die Freude, daß er wieder da ist, will nicht aufbrechen – die Scham verschließt ihnen allen den Mund.

Kann man das nicht gut verstehen? Aber wer redet heute überhaupt von Schuld? Ich meine: von seiner eigenen. Ja, wenn’s um die Schuld der anderen geht, da läßt sich lauthals reden, da schreien wir alle mit; und es hast fast Unterhaltungswert, einem Schuldigen öffentlich mit moralischer Entrüstung alle Schande ins Gesicht zu sagen. Schuld haben, heißt von allem isoliert zu werden; blitzschnell geht das, und du stehst allein da, aus der Gesellschaft ausgegrenzt: alle gegen einen. Darum fürchtet man sich vor nichts so sehr wie vor einem Eingeständnis von Schuld. „Dann bist du nämlich vernichtet, wenn alle gegen dich sind!“

Wie wird Jesus reagieren? Er, der doch nicht einfach nur ein Mitmensch, auch nicht nur ihr Chef, sondern Gott selbst ist, Gottes eigener Sohn! Petrus denkt jetzt sicherlich: Wenn es einen Treuebruch gibt, der zählt , der in die Tiefe hinabzieht, bei dem es um Bestehen oder Versagen, um Ehre oder Schande, ja um Sein oder Nichtsein geht, dann ist es das, was ich Jesus angetan habe dort unten im Hof, meine Verleugnung, während er oben im Saal vor seinen Richtern sein Bekenntnis ablegte!

Aber, Jesus reagiert anders, als wir es erwarten. Wir würden wohl meinen, es gibt in solch Fällen nur ein Entweder-Oder: Entweder er geht auf Petrus zu, reicht ihm die Hand und sagt: „Schwamm drüber. Das war eine Art Unfall – Du meintest es ja nicht so, das soll uns nicht trennen!“ (Merkwürdig, wie wir tolerant sein können aus lauter Harmoniebedürfnis!) Oder aber Jesus verurteilt den Treulosen, der ihn hinterrücks verraten hat und sagt ihm alle Schande. Das wäre ehrlich, aber unsolidarisch – jenes ehrlichkeitsscheu, aber einladend.

Jesus tut weder das eine noch das andere: Er fragt Petrus und nennt ihn dabei persönlich mit seinem vollen Namen: Simon, Johannes Sohn: „Liebst du mich so, wie man Gott lieben soll – von ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Gemüt und mit all deinen Kräften?“ Dazu sagt Petrus sofort sein Ja – gibt sein Herr ihm anscheinend doch die Chance, an sein altes Verhältnis zu ihm einfach wieder anzuknüpfen, über die Stunde des Versagens hinweg. Alles also ist wieder gut! Doch nun folgt, völlig überraschend, ein Wort, bei dem ihm der Atem stockt. Jesus sagt: „Weide meine Schafe“. Das ist das Bild vom Hirten und seiner Herde, mit dem Jesus zuvor von sich selbst und der Gemeinde seiner Jünger gesprochen hat. Das heißt also: Wenn Du mich liebst, wie man Gott lieben soll, dann tritt jetzt an meine Stelle und leite die Kirche mit dem Willen meiner Liebe, so also, daß du dein Leben wirklich und ganz und gar einsetzt für alle meine Jünger, die ich dir anbefehle!

Da ist es, mein Versagen, - denkt Petrus. Jesus spricht nicht davon, aber er meint es: Wie kann er mir denn im Ernst zutrauen, von jetzt an für meine Schwestern und Brüder in seiner Kirche mein Leben einzusetzen, so wie Er es getan hat, wie aber ich es – leider- nicht getan habe? Ein leitendes Amt in der Kirche haben – das kann man nur, indem man die Menschen liebt, die Jesus liebt, und alles Eigene für diesen Dienst einsetzt. Das ist ebenso eindeutig wie anspruchsvoll: eindeutig muß die Bereitschaft sein, in all meinem Handeln Jesus zum Vorbild zu haben. Genau das aber ist das Anspruchsvolle, um das es heute bei der Bischofswahl drüben in Lübeck geht: Nicht ob es eine Frau oder ein Mann ist, sondern ob sie oder er ganz in den Hirtendienst Jesu eintreten kann und eintreten will!

Jeder, der zum Hirten gewählt und berufen ist, erschrickt – ich denke, bis heute ist das so, - als erster aller Bischöfe der Kirche erschrickt hier Petrus. Zumal wo Jesus nun noch einmal nachfragt: „Liebst du mich wirklich“? Nun ist Petrus sich sicher: Er spielt auf meine Verleugnung an. Doch jetzt gibt Petrus nicht auf. Wo Jesus ihm trotzdem die Leitung seiner Kirche zutraut, da getraut auch er sich, zu seiner Liebe zu Jesus zu stehen, obwohl er sie so schändlich verraten hat. Doch wie Jesus die gleiche Frage zum dritten Mal wiederholt, da kann Petrus nicht einfach sein ja noch einmal wiederholen – da kann er nur noch an das Wissen des Sohnes Gottes appellieren: „Herr, Du weißt alles – so weißt Du, daß ich dich liebe, trotzdem ich diese Liebe dreimal verraten habe – Du weißt, daß ich dich trotzdem lieben will, aber daß ich dich nur lieben kann und lieben werde, weil Du es mir in Deinem wunderbarem Wissen zutraust. Herr, was wir sind, sind wir durch deine Vergebung. Und von deiner Vergebung lebt besonders jeder, den Du zur Leitung Deiner Kirche berufst. In Deiner Vergebung sagst Du zu mir: Du gehörst zu mir – nichts kann uns trennen, keine Schuld, auch nicht die tiefste und schlimmste: Wo du vergibst, bin ich wirklich frei.

Das ist, liebe Schwestern und Brüder, der Kern dessen, was unsere Kirche unserm Volk und Land zu verkündigen hat; und ich denke, das ist heute aktueller denn je. Wie schwer kann unsere heutige Welt, die Gott aus ihrem Gesichtskreis zu verlieren droht, überhaupt mit Schuld umgehen? Ob es um Verfehlungen zwischen Ehepartnern oder zwischen Eltern und Kindern geht, oder um Verfehlungen in Beruf und Politik; ob es auch um die Schuld vergangener Generationen geht, deren Folgen wir heute zu tragen haben und in Zukunft noch lange zu tragen haben werden, - es gibt keine Schuld, auch keine noch so große und tiefe und schreckliche, die Gott nicht vergeben könnte und vergeben wollte. Gerade wo heute alle Rede von Schuld immer mehr ins Unklare verschwimmt zwischen harter und oft zynischer Anklage und unverfrorener Ableugnung; und wo das Umgehen mit Schuld hin und her schwankt zwischen Ausgrenzung von Schuldigen und Kameraderie von Leuten, „da doch alle keine Engel sind“, - da kann die Verkündigung der Kirche eine entscheidend wichtige Richtschnur für unser ganzes Land sein oder es wieder werden.

Petrus ist das Urbeispiel dafür: Gott sieht alle Schuld, und bei dem ist Schuld auch wirklich Schuld, keiner kann sie wegreden, und Schuld zu vergessen, zu verdrängen vergiftet alles Leben. Aber Schuld ist nichts Aussichtsloses, das allen Sinn des Lebens und alle Ehre der Person auslöscht: Wenn Gott Schuld vergibt, macht er unser Leben frei, zuversichtlich und tief glücklich. Schuld wird zwar durch Vergebung nicht unsichtbar, erst recht nichts Gleichgültiges: Aber mit vergebener Schuld kann man leben – Ja, mit vergebener Schuld kann man auch Leitungsverantwortung übernehmen und getrost an sein Werk gehen.
Amen.